Montag, 10. November 2014

2013er Loose Sheng vom legendären, ca. 1250 Jahre alten Teebaum LC2206-23 in Bangwei

Heute steht auf dem Testprogramm junger Sheng von einem Teebaum, der nichts weniger als wissenschaftliche und landwirtschaftliche Geschichte geschrieben hat. Er allein hat den 100-jährigen wissenschaftlichen Wettstreit zwischen China und Indien, welche Nation als erste Tee kultiviert hat, zu Gunsten von China beendet.

Ich habe ein Foto gewählt, wo man gleich auch einmal sieht, wie Gerüste rundherum aufbaut werden, um von solch einem alten und grossen Teebaum überhaupt ernten zu können.


Wissenschaftliche Details
 

Es handelt sich um den scheinbar einzigen bekannten, uralten Übergangsbaum in China, das Zwischenstück von der alten, ungeniessbaren Teebaum-Art, zu der heutigen, kultivierten Art (die Blüten und Früchte weisen noch Merkmale der alten Art auf, während die Äste und Blätter der heutigen, kultivierten Art entsprechen). Diese Weiterentwicklung ist das Ergebnis der Kultivierungsarbeiten der früheren "Pu People". Später wurde dann die Teepflanze aus der Gegend um den Berg Jingmai in verschiedene Teile Chinas verbreitet.



Gedanken zur Bezeichnung des Pflückguts

Ob dieser alte Teebaum nebst dem riesigen Aufheben um "seine Person" auch noch wohlschmeckenden Tee zu spriessen lassen weiss, wird sich im nachfolgenden Test offenbaren!

Beim Pflückgut könnte man eigentlich von Lao Cong sprechen, was z.B. in Wuyi verwendet wird, um die Pflückung von einem einzigen, wildwachsenden, uralten (ca. 300+) Teebaum zu bezeichnen, und anders als die Bezeichnung Dan Cong (nebst dem Altersunterschied) nicht nur die vermischte Pflückung von zwar ebenfalls wildwachsenden, aber eben vielen verschiedenen, wenn auch genetisch identischen Teebäumen bezeichnet (Stecklinge). In Yunnan sind diese Bezeichnungen aber eigentlich unüblich, vielleicht, weil meist auch die Ernte von wilden, alten Bäumen gemischt wird, mehr aber wohl noch, weil Bezeichnungen auch Bestandteile von lokalen Traditionen sind.

 


Zubereitungsdetails

- 3 Gramm
- ca. 1.5dl (Saskia Kirkel still, britagefiltert)
- Aufguss-Temperatur: 92°
- Aufguss-Gefäss: 90er Zhuni Yixing
- Ziehzeiten: 1. Durchgang: 10 Sek., 2. Durchgang: 15 Sek., 3. Durchgang 20 Sek.
- Sonstiges: kein Waschgang/Aufwecken (ich bin ja nicht irre ; )


Let the session begin!

1. Aussehen der Blätter (trocken und aufgegossen) (total 5% gewichtet in der Endnote)

a) Aussehen trocken (2.5%): 2

Exzellent, makellos - wenn auch für mich nicht ganz das Ende der Fahnenstange.
Verschiedene andere Teesorten geben da unaufgegossen optisch manchmal schon noch etwas mehr her, wenn ich da an gewisse weisse, gelbe oder grüne Tees denke.


b) Aussehen aufgegossen (am Ende des yi pao cha) (2.5%): 1.5

Zarte, feine Blättchen. Makellos. Sie sehen meiner Meinung nach tatsächlich nicht ganz üblich aus! Sie sind feiner, wirken fragiler, nicht so dick, und haben irgendwie auch optisch leicht andere Blattäderchen.


http://4.bp.blogspot.com/-enjmZT2cRDk/VGIwJKXoMqI/AAAAAAAAAI4/49kx35h0hD4/s1600/_MG_8193.jpg


2. Duft (trocken und aufgegossen) (10%)

a) Duft trocken (die Blätter) (2.5%): 1.25

Obwohl ich eigentlich kein Steigerungspotential mehr sehe, lasse ich trotzdem noch etwas Raum für eine theoretische Steigerung. ; ) Kaum zu beschreibendes, dschungelsüssliches Aroma in der Nase.


b) Duft aufgegossen (der Tee vom 1. Aufguss) (5%): 2.5

Eigentlich nur dezente, grünliche Reifenoten - macht aber Lust, endlich zu probieren! 



c) Duft aufgegossen (die Blätter nach dem 1. Aufguss in der Kanne) (2.5%): 1.5

Seeehr interessant und etwas untypisch für jungen Sheng!
Man taucht mit der Nase in die Yixing zuerst wie in ein altes Gemäuer ein, vernimmt ganz leicht rauchige Fermentationsnoten, daraufhin entdeckt man aber auch süssliche Noten von reifem Obst und den Geschmack von Traubenkernen.



3. Aufgussfarbe (1. Aufguss) (5%): 2.25

Sehr leichtes, helles Grün mit schwachen, gelblichen Nuancen.
Ist halt kein Shou. ; )



4. Geschmack (inkl. Vielschichtigkeit) (1. Aufguss) (20%): 1.25

Ist der lecker! Zart und leicht, praktisch gar keine Kräuter, fast keine Herbe, aber eine zartseidene Süsse (Gan), mmmmh. Der Geschmack ist nicht extrem vielschichtig, dafür besonders erlesen, einige entfernte Anklänge an ganz feine Grüntees wie Maojian, einige zarte Fermentationsnoten, wie man sich so sehr an sie gewöhnt und schätzen lernt.



5. Nachhall [Qualität, Länge, Geschmacksweiterentwicklung] (1. Aufguss) (15%): 1.75

Die beliebte, wiederkehrende Süsse (Hui Gan) im Gaumen, auf, und besonders an der Seite der Zunge ist selbstverständlich vertreten, schön, zart, intensiv, aber auch nicht übermässig im in diesem Aspekt bewerteten 1. Aufguss. Er verklingt schön und sanft, wogt ein paar Mal mit zarten Wellen Süsse nach.



6. Ausdauer/Entwicklung: mehrfache Aufgiessbarkeit und geschmackliche Entwicklung der weiteren Aufgüsse (20%): 1.25

Toll, toll, toll!
Schon der 2. Aufguss ist wesentlich anders, kommt jetzt mit einer ganz leichten Herbe (ein bisschen junger Sheng typischer, aber wesentlich zarter), einer anderen Süsse, und auch einem anderen Nachhall (mit wesentlich mehr Hui Gan) daher. Auch im Nachhall plötzlich völlig unerwartete Noten, ähnlich denen, wie man sie von erlesenen taiwanesischen Hochland-Oolongs kennt. Dazu aber irgendwie eine Dschungel-Frucht-Süsse. Mann, macht dieser Tee Spass. 

Nachtrag: Ich habe tatsächlich noch knapp 20 Minuten nach dem letzten Schluck der zweiten Runde einen schönen, süssen Geschmack davon im Mund, wenn ich die Zunge etwas über den Gaumen streiche. 

Der 3. Aufguss geht wieder in Richtung 0-Herbe, dafür etwas reifere Süssenoten. Und im Nachhall kommt nun neu nach ca. 30 Sekunden ein Geschmack auf ähnlich wie der typische Umami-Nachgeschmack von guten Gyokuros, aber vermischt mit etwas Süsse (ich weiss, ich weiss, ist theoretisch fast sowas ein Widerspruch, kommt mir aber so vor).



7. Wirkung (psychisch und physisch, inkl. umgebender Mystik) (10%): 1.5

Eine unglaubliche Hitzewoge erwischte mich bereits mit dem ersten Aufguss, als wäre ich aus diesem regnerisch-kalten Novembertag mitten im Sommer gelandet. Ansonsten klare Wirkung, tut gut.
 


8. Preis/Leistung (15%): 1.5

Für das was er bietet, und auch von der Ausdauer her, meiner Meinung nach ein brillantes Preis-/Leistungsverhältnis (weniger als die Hälfte vom zuvor Getesteten). Das Problem ist nur, dass man kaum an die Ware rankommt, ich selbst bin auch nur im Besitz von knapp 20g, zustandegekommen durch eine in Tee-Dingen sehr vertrauenswürdige, taiwanesische Teefreundin, einigen Teegenossen unter dem Namen X. bekannt.




Endnote: 1.53

Auszeichnung: Kröti's Krönungszeremonien-Teequalität (1.50-1.74)





Definition der Bewertung der verschiedenen Aspekte des Tees:


1.0: Fast unerreichbare Perfektion - ein einmaliges Erlebnis, hier stimmt einfach alles - bei verschiedenen Aspekten überhaupt nur bei perfekten klimatischen Bedingungen erreichbar.
1.5: Weltklasse - dafür lohnt es sich, ein kleines Vermögen hinzublättern – üblicherweise um das Beste rum, was eine Region oder Sorte überhaupt zu bieten hat.
2.0: Exzellent, erhaben - Pflichtkauf für Tee-Liebhaber.
2.5: Sehr gut und lohnenswert - bei einfacherem Tee das Höchste der Gefühle, welcher nicht so komplex, dafür aber ausserordentlich gut gelungen ist und Spass macht.
3.0 Gut, solide - zu geniessen, haut einem nicht vom Hocker, ist aber lecker.
3.5 Befriedigend - lecker wäre übertrieben, kann man aber noch gut trinken.
4.0 Augen zu und durch - kann man trinken, aber weit entfernt von Spass. 
4.5 Lohnt sich nicht, dafür Wasser zu verschwenden - da könnte vielleicht mal was gewesen sein. Kann auch auf schlechte oder zu lange Lagerung zurückzuführen sein.
5.0 Einfach nur schlecht - verdirbt die Laune.
5.5 Ganz erstaunlich miserabel - man braucht ein besonderes Händchen, um überhaupt an solchen Tee zu gelangen.
6.0 Lebensmittelvergiftung - verdirbt nicht nur die Laune, sondern auch noch gleich den Magen.